Endlose Weiten

KLA0364Als Gertrud Müller 2006 das erste Mal in die Mongolei reiste, war sie bald hingerissen von seiner Natur und seiner grenzenlosen Weite. Das riesige zwischen Russland und China liegende Land ist mehr als viermal so groß wie Deutschland, zählt aber nur 3,2 Mill. Einwohner.

Südwestlich liegen Staaten, die man in Deutschland oft nur mit dem Namen kennt wie Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan oder Turkmenistan. Die Hauptstadt der Mongolei Ulan-Bator hat ca. 1 Mill. Einwohner und trägt in Teilen ein modernes Aussehen. Sogar ein Musiktheater gibt es dort, in dem kürzlich Mozarts Zauberflöte auf mongolisch aufgeführt wurde.

2009 besuchte Gertrud Müller zum ersten Mal die Wüste Gobi im südwestlichen Teil der Mongolei, die dort streng genommen keine Wüste, sondern Steppe ist und zum großen Teil Naturschutzgebiet. Die endlose Weite und der unglaubliche Sternenhimmel der Wüste faszinierten sie seit ihrer Kindheit und führten nach dem Berufsende dazu, dass sie sich viele Wüsten angeschaut hat, die Sahara, die Kalahari und die Namib-Wüste. Die „Great Gobi B“ in der Mongolei wurde zu ihrer zweiten Heimat. Bis zu sechs Monate hält sie sich im Jahr dort im Takhin-Tal auf. Während ihres diesjährigen Aufenthaltes feiert sie ihren 72. Geburtstag.

Inzwischen bereist sie das Land nicht mehr nur als Touristin. Bis zu ihrer Pensionierung war Gertrud Müller Englischlehrerin in Hamburg. Ihre Sprachkenntnisse nutzt sie auch in der Mongolei. Sie gibt (ehrenamtlich) Kurse für Schüler und für die dort tätigen Ranger, die sich um Tiere und Pflanzen in der Gobi kümmern.

Ein besonderes Projekt der Ranger, an dem auch Frau Müller mit Begeisterung mitwirkt, ist die Auswilderung der Przewalskipferde. Seit 1968 galten diese Wildpferde als ausgestorben, bis man 1992 begann, die in Zoos auf der ganzen Welt verbliebenen restlichen Exemplare wieder in freier Natur heimisch zu machen.

NEW: Wie kamen sie zu den Pferden bzw. dem Projekt der Auswilderung?

Gertrud Müller: Ich bin 2009 ein halbes Jahr in der Mongolei gewesen, habe in Ulan-Bator in einem Verlag gearbeitet, hatte aber sehr viel Zeit, und die Dolmetscherin schlug vor, in die Gobi B zu fahren, wo man diese Pferde auswilderte. Der Gamba, der dortige Ranger, sagte zu mir, wir brauchen Englischlehrer, und so bin ich da hängen geblieben. Gamba ist der Chef des Naturschutzparks und der 2. Chef der Organisation, die sich um die wilden Pferde kümmert. Von 2010 bis 2012 habe ich dort Englisch gelehrt und am Ende auch noch andere Dinge gemacht.

NEW: Was denn noch?

G.M.: Im letzten Jahr habe ich einen Kochkurs angeboten und in einer Woche gezeigt, was man alles aus Kartoffeln machen kann, ohne Fleisch. Reibekuchen mit Apfelmus war der absolute Renner. Ich habe auch einen Kalender gestaltet mit Kochrezepten.

NEW: Sprechen Sie auch mongolisch?

G.M.: Absolut kein Wort. Ich kann gerade mal Guten Tag sagen, und verhungern werde ich auch nicht. „Us“ ist beispielsweise Wasser. Das ist dort sehr wichtig.

NEW: Warum sind die Pferde ausgestorben in freier Wildbahn?

G.M.: Sie wurden abgeschossen, teilweise um sie zu essen. Viele wurden gefangen und in Zoos verbracht. Die Pferde, die jetzt hier wieder heimisch werden, kommen u.a. aus Zoos in China, der Schweiz und aus Prag. 1968 hat man das letzte wilde Pferd in der Mongolei gesehen, seit 1992 wildert man wieder aus.

NEW: Wie viele sind es im Moment?

G.M.: Insgesamt 400.

NEW: Ist das Reisen dort gefährlich?

G.M.: Überhaupt nicht, es sei denn man hat Angst, dass man von der Straße abkommt. Aber richtige Straßen gibt es dort kaum. In der ganzen Mongolei gibt es gerade mal 1500 km gepflasterte Straße. Die sind aber sehr gelöchert, auch wegen der Wetterverhältnisse dort: im Sommer 40° plus, im Winter 40° minus.

NEW: Was ist für Sie besonders „gewöhnungsbedürftig“ während der Aufenthalte in der Mongolei?

G.M.: Fleisch, Fleisch, fettes Fleisch, absolut kein Land für Vegetarier.

NEW: Was ist ihre Aufgabe beim Auswildern?

G.M.: Im letzten Jahr war 20jähriges Jubiläum der Auswilderung. Mein Chef hat dazu eine Broschüre geschrieben, die ich ins Englische übersetzt habe.

Bericht und Interview: Dr. Peter Rümenapp